Kostüme der 3 Ehrenzeichen
Die Kostüme von Leu, Wild Ma und Vogel Gryff
Jedes Jahr im Januar tanzen sie am 13., 20. oder am 27. Tag des Monats durch die Strassen Kleinbasels. Gemeint sind die Drei
Ehrenzeichen der Drei Ehrengesell-schaften Kleinbasels. Der betreffende Tag bedeutet für das Kleinbasel ein Festtag.
Im Mittelalter entsprachen die genannten Daten den Tagen, an welchen für die militärisch geordneten Gesellschaften die
Rekrutierungen und Inspektionen durchgeführt wurden. Im Jahre 1836 schlossen sich die Drei Ehrengesell-schaften zusammen und
begingen den Kleinbasler Festtag abwechslungsweise am Tag der vorsitzenden Gesellschaft, so zum Beispiel am 13. Januar der
E. Gesellschaft zum Rebhaus, am 20. Januar der E. Gesellschaft zum Hären und am 27. Januar der E. Gesellschaft zum Greifen.
Im
Jahre 1841 wurde zum ersten Mal ein gemeinsames "Gryffe-Mähli" im "Kaffi Spitz" des Hotel Merian zelebriert.
An diesen Rekrutierungstagen wurden die Ehrenzeichen der Drei Ehrengesellschaften von den jeweiligen "Gesellschaftsuelis" an
einer Kette durch das Kleinbasel geführt. Der Leu repräsentierte die E. Gesellschaft zum Rebhaus, der Wild Ma die E. Gesellschaft
zum Hären und der Vogel Gryff die E. Gesellschaft zum Greifen. Die Kostüme dieser Ehrenzeichen wurden stets von
Gesellschaftsbrüdern getragen. Es bedeutete früher wie heute eine grosse Ehre, als gewählter Gesellschaftsbruder das
entsprechende Kostüm eines der drei Ehrenzeichen tragen zu dürfen.
Nun aber, wie entsteht ein solches Kostüm?
Bis zum Jahre 1948 waren die Kostüme des Leu und Wild Ma aus Stoff und lediglich dasjenige des Vogel Gryff aus Leder gefertigt,
so erzählt Peter Deiss, Gesellschaftsbruder der E. Gesellschaft zum Hären. Er ist derjenige, der in die Fussstapfen seines Vaters
getreten ist und das Sattlerhandwerk in eigener Werkstatt bis zum heutigen Tage betreibt. Als kleiner Junge durfte Peter Deiss im
Jahre 1948 seinen Vater zum ersten Mal an das traditionelle „Läberli-Essen" begleiten. Dies blieb ihm in Erinnerung haften, mit
Bestimmtheit auch deshalb, weil der Vogel Gryff ein neues Lederkostüm trug, das sein Vater anfertigte. Das ursprüngliche
Schnittmuster wurde zweimal vergrössert, da die Menschen heute grösser gewachsen sind als früher, und lediglich der
Körpergrösse der entsprechenden Personen angepasst. Nicht bei jedem Personenwechsel kann ein neues Kostüm erstellt werden,
da sich die Herstellungskosten in die tausende von Franken belaufen. Für das gesamte Tierkleid betragen die Kosten daher weit
mehr als 10'000 Franken.
Gemäss Peter Deiss werden für das Lederkostüm vom Leu 15 bis 18 Ziegenfelle (ohne Haare) verarbeitet. Für den „Vogel Gryff-
Overall" werden 12 bis 14 Kalbfelle (ohne Haare) benötigt. (Die Bezeichnung „Fell“ entspricht dem Fachausdruck für Lederhaut,
welche 0,5 – 2,5 mm Dicke aufweist.) Auf m2 umgerechnet, sind für die Herstellung des "Vogel Griff-Overalls" somit ca. 18 m
Kalbfelle erforderlich. Die Kalb- oder Ziegenhäute werden vor dem Gerben egalisiert, d. h. auf die gewünschte Dicke gespalten.
Während der folgenden ca. 3 Monate werden die Häute dann im Walkfass in Gerblohe gegerbt und danach zugerichtet (gefärbt und
gefettet). Zu früheren Zeiten waren die Gerbereien für die Antreibung des Walkfasses und den enormen Wasserverbrauch an
Teichen angesiedelt, so auch im Kleinbasel, nämlich am Riehenteich.
Leu
Das Leu-Kostüm ist
seit 1971 aus Ziegenleder hergestellt. Da jedoch der neue Overall in der Farbe (zu rot) nicht überzeugte, wurde
dieser nach einem Jahr im Kasten eingelagert, und der Leu tanzte fortan wieder im Stoffkostüm. Im Jahre 1992 wurde das
Lederkleid des Leu komplett auseinander genommen, aufgefrischt und neu zusammengenäht.
Im Brust- und Rücken-Bereich dieses Leu-Kostüms wurden neu Rosshaar-Litzen aufgenäht. Für diese Litzen wurde früher Sisal
eingesetzt (daher die ungewünschte Rotfärbung). Damit die Pferde-Haare jedoch allen Ansprüchen genügten, wurden sie von einem
Coiffeur mit der Brennschere fachgerecht gelockt.
Wild Ma
Das Wild Ma-Kostüm besteht aus Stoff und Ziegenlederteilen, so zum Beispiel die Schulterpartie, der Brustbereich, die Besätze für
Knie und Ellbogen, welche ebenfalls mit Rosshaar-Litzen versehen sind und abschliessend von einem Coiffeur fachgerecht gelockt
werden.
Vogel Gryff
In den Jahren vor 1948 wies das Kostüm altershalber einige brüchige Schwachstellen auf, weshalb Vater Alfred Deiss den Vogel
Gryff beim Umgang des Spiels im Kleinbasel jeweilen mit Sattlernadel und starkem Faden begleitete, um die schadhaften Stellen
im Eilverfahren wieder zusammen zu nähen.
Im Jahre 1947 wurde ein komplett neues Kostüm (Overall, Handschuhe und Kopf) hergestellt und im Jahre 1948 erstmals der
Bevölkerung vorgestellt. Nicht nur der Leder-Overall und der Brustteil des Vogel Gryff, sondern auch die Handschuhe, welche mit
Krallen besetzt sind, wurden speziell angefertigt. Von einem Drechsler werden kleine Holzstücke hergestellt, die dann innerhalb des
Fingerteils befestigt werden, um so die Metallkrallen im Handschuh zu fixieren. Im Klingentalmuseum wird ein Kostüm des Vogel
Gryff ausgestellt und erwähnt, dass Dieses bis zum Jahre 1953 in Gebrauch war, was jedoch nicht zutreffen kann, da wie vorerwähnt
im Jahre 1947 ein neues Kostüm hergestellt wurde, was schriftlich dokumentiert ist.
Im Gegensatz zum Leu- Kostüm besteht das Vogel Gryff-Kostüm aus Kalbleder. Im Jahre 1998 wurde ein zweites Leder-Kleid
(mit Handschuhen und Schwanz) angefertigt. Das Oberteil (Brust und Kopf) besteht aus Aluminium, das bis zur Höhe der Halskette
mit Rindleder-Schuppen bezogen wurde. Der Kopfbereich jedoch ist mit Ziegenleder überzogen. Kopf- und Brustteile wurden
anschliessend bemalt.
Das Oberteil und der Overall, welche im Klingental-Museum ausgestellt sind, waren bis 1947 in Gebrauch. Die einzelnen Schuppen
des Oberteiles sind mit dünnen Lederriemen zusammengefügt.
Für die Bereitstellung eines Vogel Gryff-Kostüm aus Leder hat der Fachmann reine Arbeitszeit von rund einem halben Jahr
vorzusehen. Dies ist vollkommen realistisch in Anbetracht der vielen Kleinarbeit, die es zu verrichten gilt (Herstellung von Schwanz,
Schwanzquaste, Lederfransen, Lederwülsten mit Fransen für die Knie- und Ellbogenbereiche, Anbringung von Nähten und
Polsterungen). Bekanntlich sind derartige Spezialanfertigungen sehr arbeitsintensiv und zeitaufwendig.
Dieser Bericht entstand in Zusammenarbeit mit Peter Deiss. So konnte sichergestellt werden, dass Fachausdrücke und
Materialbezeichnungen korrekt wiedergegeben werden konnten. An dieser Stelle möchte ich Peter Deiss für seine Mitarbeit meinen
herzlichen Dank aussprechen.
Erwin Hensch
Webmaster der Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels
Quellennachweis: Persönliche Angaben von Herrn Peter Deiss.
Fotos: Erwin Hensch und SANA Verlag



















