Meisterrede des Vorsitzenden Meisters E.E. zur Hären, René Thoma
anlässlich des Gryffe-Mähli 2012
Liebe Gäste,
liebe Gesellschaftsbrüder,
Fast täglich berichten die Medien über neue Krawalle, Zerstörung und Gewalttaten in der Stadt. Manchmal hinterlassen diese ein Gefühl der Angst. Angst um unsere Zukunft, Angst um unsere Jugend. "Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere heutige Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen!" Dieses Zitat stammt von Sokrates, dem griechischen Philosophen, der rund 450 Jahre vor Christus gelebt hat.
In jüngster Zeit gab es einige Schauplätze der Verwüstung und Schlägereien. Menschen wurden dabei schwer verletzt oder gar getötet. Was vor Jahren noch weit weg von uns schien, in den Vororten und Aussenquartieren in Paris, in London oder anderen europäischen Grossstädten, ist spätestens mit den Taten von Schweizer Schülern in München näher in unseren Interessenbereich gerückt. Meist sind es 15-25 jährige Männer, die ihr Bedürfnis nach Gewalt ausleben möchten.
Aggression gehört zum Menschsein und zur Jugend ganz besonders. Das Leben ist gelegentlich für viele langweilig, bei uns nicht zuletzt durch den hohen Lebensstandard. Verbote im öffentlichen Raum nehmen ständig zu. Mutwillige Zerstörung macht vielen Spass. Zudem leben wir in einer 24-h Gesellschaft. Eine Ruhephase gibt es nicht mehr. Wenn sich erst einmal Gleichgesinnte gefunden haben, werden sie vom kollektiven Sog mitgerissen. Dann braucht man(n) – und nota bene auch Frau - nachher kein schlechtes Gewissen zu haben; es war ein Entscheid der Gruppe. Laut neuesten Entwicklungen sind es die Eventchaoten, denen es einzig und allein um die Freude am Chaos und Zerstörung geht. Sie schlagen alles kurz und klein, was ihnen in die Quere kommt. Doch was ist wirklich neu?
Ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich als 20-jähriger mit meinen Freunden im Kleinbasel unterwegs gewesen bin. Schon damals kam es vor den bekannten Lokalen auf der Gasse zu Schlägereien. Niemand kam auf die Idee, dabei nach tiefer liegenden Konflikten oder kollektiver Frustration zu forschen. Früher gelangten solche Taten kaum in die Öffentlichkeit. Heute wird alles noch gefilmt und fotografiert und zu guter Letzt dem Internet oder den Medien zur Verfügung gestellt. So gelangen die Chaoten und Schläger zu öffentlich wirksamer, wenn auch zweifelhafter Bekanntheit.
In der Zeitung habe ich zum Laufental folgendes gelesen:
Die Totenruhe auf dem Friedhof in Blauen sei den Jugendlichen nicht mehr heilig. Er ist für viele Junge zum Treffpunkt geworden und es werde dort dröhnender Lärm "produziert".
In der Dittinger Kirche haben Männer den Weihwasserstein als Pissoir benutzt.
Bei einem häuslichen Streit in Laufen hat ein junger Mann seinen Bruder mit einem Messerstich schwer verletzt.
In Roggenburg haben ein paar Buben eine leer stehende Fabrik in Brand gesetzt.
In Zwingen haben Unbekannte Baustellenmaterial in die Birs geworfen und auf der Bahnstrecke Grellingen-Laufen sind die Barrieren abgeschraubt worden.
Alle diese Taten sind von der BZ wiedergegeben worden. Passiert sind sie vor etwa 130 Jahren!
Es gab schon immer unsinnige Taten und Gewaltbereitschaft. Die gute, alte Zeit war keinesfalls frei von Straftaten, im Gegenteil. Und Hand auf 's Herz:
Wer hier im Saal kann von sich sagen, dass er noch nie eine Straftat begangen hat, die auch hätte angezeigt werden können?
Hatten wir nicht einfach auch hie und da etwas Glück, dass man uns bei Taten nicht erwischt hat, respektive falls man uns erwischt hat, die Sanktionen deftig und einschneidend gewesen sind? Wir haben unsere Lehren daraus gezogen! Meine Jugenddelikte sind zum Glück verjährt! Doch was ist heute anders?
Immer schlimmer, immer jünger und immer mehr – das Bild, welches die Regenbogenpresse über jugendliche Gewalt verbreitet, ist schlicht falsch. Spektakuläre Einzelfälle prägen die Wahrnehmung, spiegeln aber nicht die realen Verhältnisse wider. Beweisbare Verbesserungstrends der Jugend sind leider nicht medientauglich. Ein Rückblick auf die vergangenen Jahre zeigt folgendes: Gemäss der Statistik des Bundesamtes werden in der Schweiz 2% der Jugendlichen nach Strafgesetzbuch verurteilt. 10 % davon wegen Gewaltdelikten. In Basel sind seit 2007 die Delikte um 16% gesunken, im Gewaltbereich sogar um 23%. Zudem ist nur eine kleine Minderheit, der wegen Verbrechen und Vergehen verurteilten Jugendlichen, Wiederholungstäter. Dies bedeutet, dass es bei der überwiegenden Mehrzahl der straffälligen Jugendlichen bei einem einmaligen Vorfall bleibt. Man darf der Jugend zu Gute halten, dass sie hier eindeutig in die richtige Richtung geht.
Anders sieht es bei jungen Erwachsenen, also den 18 – 25 jährigen aus. Da haben Gewaltdelikte zugenommen. Ohne Respekt und Skrupel werden bei Schlägereien bleibende Schäden oder gar Tötung in Kauf genommen. Da sind die, von Teilen der Politik geforderten, schärferen Sanktionen notwendig und es gilt meines Erachtens eine Nulltoleranz, egal, ob Schweizer oder Ausländer! Leider kommt der Ruf nach solchen Strafen von Leuten, welche keine Vorschläge zur Lösung gesellschaftlicher Probleme haben. Diese sind sehr vielschichtig und Verbesserungen selten einfach zu finden. Noch schwieriger ist es, Lösungsvorschläge in einer Zeile oder einer Zeichnung auf einem Wahlplakat anzubringen! Dies ist zwar verführerisch, aber doch eher kurzsichtig!
Leider auch zunehmend bei Erwachsenen sind Raubüberfälle und einfache Körperverletzungen. Obwohl Basel bei Gewaltdelikten am unteren Ende der Rangliste der Schweizer Grossstädte, zum Teil deutlich hinter Genf, Lausanne, Zürich und Bern liegt, ist die Entwicklung doch bedenklich. Zudem hilft es einem Opfer einer solchen Straftat eine positiv verlaufende Statistik wenig. Wir müssen alles unternehmen, dass sich die Einwohner unserer Stadt sicher fühlen können.
Gewaltbereite, junge Menschen haben immer eine prägende Vorgeschichte! Sei es innerhalb der Familie durch mangelnde emotionale Bindung zu Eltern und Vertrauenspersonen oder durch fehlende Betreuung. Sei es durch häusliche Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch oder Misserfolge in der Schule. Gerade Jugendliche brauchen aber Orientierung und Integration. Die Bedingungen hierzu sind jedoch ungünstiger geworden. Gesellschaftliche Regelverletzungen, Leistungsdruck und härtere Bandagen in Beruf und Politik, sowie Zukunftsängste in der Familie sind das, was die Jugendlichen in ihrem Alltag antreffen. Hinzu kommt speziell für schwächere Schüler eine gewisse Perspektivlosigkeit, verbunden mit der Erfahrung, keine Lehrstelle oder erfüllende Arbeit zu finden und damit kaum soziale Anerkennung zu erhalten. Dies führt bei Jugendlichen, wie bei den Eltern zu einer gewissen Resignation. Allerdings hilft es wenig, wenn so genannte Kampfeltern bei der Schule intervenieren, oder die Kinder bei geringster Abweichung von der Norm, therapiert werden. Viel mehr müssen Eltern, Schule und andere soziale Einrichtungen für die positive Entwicklung der Jugendlichen zusammenarbeiten und einander respektieren!
Unser Nachwuchs wird leider oft im Stich gelassen. Alle Eltern wünschen sich einfühlsame, verantwortungsbewusste und leistungsbereite Kinder. Es beginnen alle in der Geburt bei plus/minus Null und sind noch völlig unbeeinflusst und neugierig. Ein Kind startet von Tag zu Tag seine Entdeckungsreise und lernt dazu. Vieles geschieht spielerisch, einfach um des Spieles willen und mit einfachsten Mitteln. Meine Erfahrung mit meinem Grosskind hat mir gezeigt, dass gerade die einfachsten Spielsachen und Gegenstände ihn zum Spielen und Versuchen anregen und übrigens nicht nur ihn, auch mich selbst!
Die Kinder möglichst schnell "fit" für den Konkurrenzkampf zu machen, nimmt heute beinahe stupide Formen an. Es braucht doch nicht jedes Kinderspiel schon einen Baustein für irgendeine Entwicklungsrichtung des Kindes zu sein! Es findet ein Spielzeug so lange spannend, wie sich jemand mit ihm gemeinsam dafür interessiert. Wenn ich mich also nicht mehr um das Kind kümmere, möchte es auch nicht mehr mit den buntesten und trällernden Sachen spielen. Lese ich Zeitung, will dies mein Grosskind auch und esse ich mit der Gabel, ist der Kinderlöffel out. Kinder wollen gross und erwachsen werden, aber nicht mit perfekt aufeinander abgestimmten Schritten, wie wir Erwachsene uns das vorstellen, sondern so, wie sie es selber wollen! Kinder wollen erfahren, was zu welchem Ergebnis führt und dabei dürfen wir ruhig auch zu unseren Fehlern und Gefühlen stehen. Kinder lassen sich diesbezüglich nichts vorgaukeln! Sie sind sehr ehrlich und sagen ihre Meinung. Das kann manchmal und gerade für Erwachsene, auch hart sein!
Problematisch sind aus meiner Sicht Erziehende, die ihrem Nachwuchs keinen Wunsch unerfüllt lassen. Entscheidend für Fehlentwicklungen ist laut Experten jedoch die Vernachlässigung, ob aus Überforderung oder Gleichgültigkeit. Ohne Zuwendung, Geborgenheit und Vertrauen lässt sich nichts vermitteln. Kinder brauchen eine emotionale Sicherheit. Durch elterliche Fürsorge, Partizipation und Grenzen lernen Kinder, sich in einer vielseitigen Welt zurechtzufinden und Selbstbewusstsein aufzubauen. Dies ist die Basis einer konstruktiven Konfliktbewältigung.
Auflehnung ist Teil des Weges ins Erwachsenendasein. In dieser Zeit braucht es sinnvolle Regeln, die Freiräume und Pflichten festlegen. Für Eltern ist es unerlässlich, solche Regeln aufzustellen, zu kontrollieren und bei Abweichung auch zu sanktionieren, auch wenn dies eine echte Herausforderung ist. Sie sollten Kindern auch wieder Aufgaben zumuten, damit diese das Gefühl des Gebrauchtwerdens spüren. Ich kann hier aus eigener Erfahrung mit meinen Fussballjunioren fast ausschliesslich von positiven Erfahrungen berichten. Und ich bin hier, gerade unter unseren Ehrengästen, mit Sicherheit nicht der einzige am Tisch.
Staat und Gesellschaft versuchen, Kindern und Jugendlichen mit Vorschriften und Verboten zu schützen, dies um einerseits Gefahren von ihnen fernzuhalten und sie anderseits nicht selbst zum Ärgernis oder gar zur Gefahr werden zu lassen. Aber das hat noch nie funktioniert! Friedrich Dürrenmatt hat gesagt: "Wo alle verantwortlich sind, ist niemand verantwortlich". Übersetzt heisst das für mich: Wo der Staat zu viel Verantwortung übernimmt, meinen die Bürger die Verantwortung nicht mehr tragen zu müssen. Dies ist ein fataler Trugschluss. Die Hauptverantwortung für die Kinder liegt bei deren Eltern und ist nicht delegierbar!
Vom Kind zum Erwachsenen birgt Konfliktpotential. Mit zu vielen Verboten wird Kindern zum Teil verwehrt, was von immenser Wichtigkeit wäre: Sich an die Gefahren dieser Welt heranzutasten und zu lernen, mit ihnen umzugehen. Mischen sich Erziehende und der Staat zu sehr ein, nimmt er Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, sich ein gesundes Mass an Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und Entscheidungsfreudigkeit anzueignen. Aber genau das braucht unsere Jugend für ihre Zukunft!
Auf der jungen Generation lastet eine grosse Verantwortung. Wir waren nicht gerade die besten Lehrmeister wenn ich daran denke, was wir für technische Möglichkeiten gehabt und was wir damit erreicht haben. Stichworte wie Erderwärmung, CO2-Belastung, Atomkatastrophen, weltweite Hungersnöte, Umgang mit Landschaften und Wertvernichtung bei Investmentbankern sind kein Ruhmesblatt für unsere Generation. Es sei daher die kritische Frage erlaubt:
Sind wir wirklich die Kompetenz, die unserer Jugend vorschreiben will, wie man es richtig macht? Ist es nicht besser, mitzuhelfen, ihren noch halbleeren Rucksack mit Wissen, Nächstenliebe und Mut anzufüllen und sie alleine ihre Erfahrungen sammeln zu lassen?
Die Jugend ist viel besser als ihr Ruf und das, wie eingangs erwähnt, seit Jahrhunderten! Ich erlebe es täglich und immer wieder. Seit 38 Jahren leite ich Ferienkolonien und Sportlager und bin seit 35 Jahren Juniorentrainer in einem Fussballverein. Hundertschaften von Jugendlichen habe ich mit betreut, deren Werdegang vom Kind zum Erwachsenen erlebt. Nicht wenige sind heute meine Freunde. Die allermeisten haben ihren Weg gemacht. Einige bringen schon wieder ihre Kinder zu mir ins Training. Selten bin ich von Kindern oder Jugendlichen enttäuscht worden.
Wenn es um die Bereitschaft für freiwilliges Engagement der Jugendlichen geht, ist das in der Öffentlichkeit verbreitete Bild oft negativ. Gemäss einer Studie der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände entspricht dies aber keinesfalls den Gegebenheiten. Junge Menschen sind in der Schweiz deutlich über dem Durchschnitt als Freiwillige aktiv. Ein Drittel der 15 – 24 jährigen engagiert sich freiwillig, und zwar im Durchschnitt fünf Stunden pro Woche. Motivatoren laut Studie sind Spass, Gruppenerfahrungen und Mitspracherecht, nicht aber, die finanzielle Entschädigung. Es ist also falsch zu glauben, mit höherer Finanzierung erhalte man mehr freiwillig tätige, junge Menschen! Dies gilt meines Erachtens übrigens für die Allermeisten, welche in der Freiwilligenarbeit tätig sind.
Ich bin viel zuversichtlicher, als Sokrates zu seiner Zeit. Zusammen mit unseren Jugendlichen werden wir die Herausforderungen der Zukunft meistern. Dabei dürfen sich Alte und Junge nicht auseinander dividieren lassen. Die Jungen brauchen die Alten und vor allem die Alten, die Jungen! Und vergessen wir eines nicht: Die Jugend ist ein Spiegel unserer Gesellschaft und diesen hält sie uns Erwachsenen vor.
John F. Kennedy hat einmal gesagt: "Einen Vorsprung im Leben hat, wer da anpackt, wo die anderen erst einmal reden!" Die so genannten "Macher" sind also gefragt! Solche haben wir heute speziell als Ehrengäste eingeladen und auch viele im Saal unter den Gesellschaftsbrüdern. Sie alle sind sicher mit mir einer Meinung: Wir dürfen stolz sein auf unsere Jugend. Ich bin es, denn in dieser Jugend liegt unsere Zukunft!
20.01.12 René Thoma, Meister E.E. zur Hären